Erstaunlich, dass man in Deutschland so wenig von Aviary hört. In den vereinigten Staaten ist das Unternehmen wesentlich bekannter und beliebter als hierzulande. Dabei bietet Aviary eine Kreativpalette an, die qualitativ und quantitativ beachtlich und noch dazu kostenlos nutzbar ist – es bedarf allerdings bestimmter Voraussetzungen. Von pixelbasierter Bildbearbeitung und Vektorgrafik, Tools für Webschaffende, beispielsweise eine Screenshotapplikation, bis hin zu Werkzeugen für Soundbastler ist alles vorhanden. Dr. Web hat sich das Komplettpaket für Sie angeschaut.
Was ist Aviary?
Die Aviary-Produktpalette basiert vollständig auf Adobe Flash, was den Einsatz auf mobilen Geräten, vor allem solchen der Marke Apple unmöglich macht. Ohnehin sind die Aviary-Anwendungen von ihrer optischen Anmutung her klar auf den Ersatz von Desktopanwendungen gerichtet. Ohne ausreichend Bildschirmplatz macht die Nutzung keine Freude. Ebenso verhält es sich, wenn nicht die aktuellste Version des Flashplayers installiert ist.
Seit einiger Zeit versucht Aviary rund um seine Palette eine Community aufzubauen, die untereinander Designs tauscht, bewertet und auch ansonsten rege kommunizieren soll. Während meines Tests konnte ich nicht feststellen, dass es diese rege Community tatsächlich gibt. Tatsächlich stehen von Nutzern erstellte Inhalte in einigermaßen großer Zahl zur Verfügung, aber insgesamt wirkt die Aviary-Community doch recht körperlos. Vermutlich war die Vorstellung, man könne rund um ein Set von Flashanwendungen ein soziales Netzwerk bauen, eine Illusion. Immerhin ist ein soziales Netzwerk aus Usersicht dem eigentlichen Sinn der Palette nicht zuträglich, im Sinne von förderlich.
Bis zum Februar 2010 war Aviary kostenpflichtig, wenn man alle Features nutzen wollte. Seither ist die komplette Produktpalette inklusive aller Möglichkeiten und Zusatzfeatures, wie etwa ausführliche Tutorials komplett kostenfrei für Jedermann. Verschiedene Medien vermuteten seinerzeit, dass dieser Schritt erforderlich geworden war, um dem Unternehmen einen höheren Bekanntheitsgrad und damit verbunden eine breitere Userbasis zu verschaffen. Das macht betriebswirtschaftllich natürlich nur dann Sinn, wenn Aviary neben der kostenfreien Flashpalette andere Geschäftsbereiche unterhält, mit denen Geld verdient werden kann.
Wie dem auch sei, für uns Webbewohner ist Aviary kostenfrei. Wer auch immer die Zeche bezahlt, ich hoffe, er/sie tut es.
Bevor wir nun die einzelnen Teile der Palette näher betrachten, muss ich darauf hinweisen, dass Sie Aviary nur dann sinnvoll einsetzen können, wenn Sie der englischen Sprache mächtig sind und zwar in einem Umfang, der über “Hello World” hinausgeht. Es gibt in Aviary neben Englisch nichts. Ich bezweifle zudem, dass sich das in Bälde ändern wird, denn nach dem Aufruf nebst Anleitung an die Community, Übersetzungen einzureichen, tut sich seit über einem Jahr nichts mehr an dieser Front. Vor zwei Monaten ließ dann eine Aviary-Mitarbeiterin verlauten, man nehme weiterhin Übersetzungen an und werde diese “eventually” tatsächlich in das Produkt integrieren. Wie wir alle wissen, kann eventually übersetzt werden mit “eines Tages” oder “später dann” Oder um es mit Jan zu sagen: Irgendwie, irgendwo, irgendwann. (Es heißt auch “endlich” oder “schließlich” und wird vor im Englischen nicht wie das deutsche Wort “eventuell”, sondern vor allem im Sinne von “endlich” eingesetzt – Anmerkung der Redaktion).
Wie komme ich an Aviary?
Um Aviary benutzen zu können, müssen Sie sich auf der Website registrieren. Hier können Sie entweder eines Ihrer möglicherweise ohnehin vorhandenen Social Network Accounts verwenden.
Direkte Registrierung ist schneller
Oder Sie durchlaufen die kurze Registrierungsprozedur eigenständig, was ich schon deshalb empfehlen würde, weil sie wesentlich schneller erledigt ist, als dieses ganze Rumautorisiere auf den anderen Accounts dauert. Aviary ist nicht neugierig, was die Vollständigkeit Ihrer Daten betrifft. Eine gültige E-Mail-Adresse ist alles, was gefordert wird.
Nach der Registrierung wird Ihnen noch angeboten, Kontaktdaten von Freunden aus Ihren anderen sozialen Netzen zu importieren. Grundsätzlich empfehle ich immer, solche Vorschläge nicht zu akzeptieren.
Ich habe heute eine Ausnahme gemacht, weil ich wissen wollte, wieviele meiner Kontakte, dabei immerhin einige Heavyuser, was das Web betrifft, bei Aviary gefunden würden. Siehe da: Ein Einziger, nämlich ein französischer Webdesigner, der lange auf den Kanaren gearbeitet hat und jetzt in Thailand lebt, ist ebenfalls bei Aviary. Dabei hat er sich irgendwann im letzten Jahr angemeldet, aber bis zum heutigen Tage keinerlei Aktivitäten gezeigt. Eine klassische Karteileiche, würde ich sagen.
Ist die Registrierung erledigt, gelangen Sie in Ihr Dashboard, von wo aus Sie auf die einzelnen Programmteile zugreifen können. Den restlichen Bereich des Dashboards verschweige ich hier mit voller Absicht. Nur soviel: Muss man nicht beachten.
Wo wir uns nun also bereits im Dashboard befinden, schauen wir auf die verfügbaren Applikationen:
Talon – Das Screenshot-Tool
Fangen wir mit einem vergleichsweise simplen Tool an, dass als Extension für Firefox und Chrome zur Verfügung steht. Unter dem Namen Talon für Chrome erhalten Sie ein Screenshot-Tool, das unnötig kompliziert zu Wege geht, wenn es um das Anfertigen von Bildschirm-Schnappschüssen geht. Um einen solchen zu erhalten, klicken Sie in der Extension auf “Capture Visible Portion Of Page”. Daraufhin öffnet sich ein neues Browserfenster (ja, Fenster, also nicht erschrecken, wenn Sie mit Tabs arbeiten), welches die betrachtete Website in der Aviary-Umgebung erneut öffnet und mit verschiedenen Werkzeugleisten versieht.
Allerdings sind die Werkzeuge alles andere als intuitiv bedienbar. Mir ist weder auf Anhieb, noch nach 10 Minuten gelungen, einen Screenshot so anzulegen und zu speichern, wie ich ihn haben wollte. Außerdem ist es inakzeptabel, für einen Screenshot auf das Öffnen der Website im Aviary-Umfeld warten zu müssen. Leute wie ich, die ständig Screenshots benötigen, können so nicht mehr produktiv arbeiten. Da lobe ich mir Skitch (Mac) und SnagIt (Windows).
Übrigens liess sich auf meinem MacBook nur das Chrome-Plugin fehlerfrei in Betrieb nehmen. Nach der Installation der Firefox-Extension startete Firefox nicht mehr.
Unter Windows gelang es mir schließlich doch noch, Talon für Firefox zu verwenden. Anders als unter Chrome funktioniert hier die Anfertigung von Screenshots komfortabel. Es wird kein neues Fenster geöffnet, man hat keine Wartezeiten und kann auch festlegen, dass man nur einen Teil der angezeigten Seite verarbeiten will. Konkurrenzfähig wäre es aber erst, wenn es denn auch unter Mac OS X fehlerfrei laufen würde.
Prädikat: Bloß nicht in Chrome. Ein unkomfortableres Screenshot-Tool habe ich noch nicht gesehen. Absolut verzichtbar! Die Firefox-Extension, wenn Sie denn läuft, ist komfortabel genug und kann vielleicht den einen oder anderen von Ihnen überzeugen.
Alternative: Kostenlos gibts für Mac das fantastische Skitch und für Windows das immerhin gute GrabShot; Skitch mit Cloudanbindung, GrabShot ohne.
Falcon – Image Markup
Falcon ist ein Bildbeschrifter und -verzierer. Damit können Sie auf Katzenbilder die ganz lustigen Schriftzüge “I can haz cheezburger” schreiben oder Pfeile auf eine Landkarte malen. Viel mehr kann Falcon nicht, sondern verweist für fortgeschrittene Anforderungen auf das Familienmitglied Phoenix, das wir später noch kennen lernen werden. In der Tat stellt sich auf den ersten Blick die Frage, was ein Tool wie Falcon für eine Existenzberechtigung hat, wo es mit Phoenix ein weitaus mächtigeres Werkzeug gibt. Die Antwort überrascht vor lauter Sinnlosigkeit. Phoenix kann zwar Texte und Symbole in Bilder bauen, wie es auch Falcon kann, es kann allerdings keine Effekte zuweisen. So können Sie mit Falcon Texte drehen, mit Schlagschatten und anderem versehen. In Phoenix können Sie das nicht.
Prädikat: Als Untermenge von Phoenix ist Falcon bei der effekthaschenden Verzierung von Bildern mit Texten und Symbolen unverzichtbar. Als Standalone-Tool würde ich es nicht benutzen. Besser und klarer wäre es, Aviary würde die Funktionalität nach Phoenix überführen.
Alternative: Gimp kann das und mehr, ist ebenfalls kostenlos und steht für Windows, Mac OS und Linux zur Verfügung. Es arbeitet jedoch nicht cloudbasiert.
Toucan – Der Colorpicker
Toucan ist ein nützliches Tool rund um Farbverwaltung und -auswahl. Da gibt es nichts zu bemängeln. Mit Toucan können Sie Farben aus Bildern, Farben aus dem Farbrad nach unterschiedlichen Methoden wählen und sich Farben in den unterschiedlichen Farbräumen, dabei auch CMYK, zusammen mixen. Ebenso lassen sich Hex-Werte ermitteln oder Farben aus Hexwerten. Kurz und gut. Toucan ist schnell, funktionsreich und optisch ansprechend.
Prädikat: Sinnvolles und nützliches Werkzeug für alle, die mit Farben arbeiten müssen oder wollen. Sogar für Printdesigner interessant.
Alternative: Adobe Kuler mit Website und AIR-App bietet den identischen Funktionsumfang und kann Farbkollektionen noch dazu speichern und verwalten. Ebenfalls kostenlos und auch flash-basiert.
Raven – Für Schmalspurvektorgrafiker
Raven ist auf dem Weg zum Programm, könnte man sagen. Derzeit wird eine rudimentäre Funktionalität angeboten, die nur im Zusammenspiel mit anderen Programmteilen, wie etwa Phoenix am Ende zu interessanten Ergebnissen führen kann. Nun gibt es gerade auf diesem Gebiet das fantastische und ebenso kostenlose Inkscape. Dem kann Raven nicht im allerentferntesten das Wasser reichen.
Raven erstellt und bearbeitet ausschließlich Vektorgrafik. Ein Pixelbild mit Vektoren nachzubearbeiten wie in Inkscape, ist auch in Kombination mit Phoenix nicht möglich. Rotationen können nicht mit der Maus ausgeführt werden, sondern müssen per Gradangabe in einer Dialogbox erfolgen. Positiv: Farben können in allen Farbräumen definiert werden. Negativ: Dokumentgrößen werden nur in Pixeln festgelegt. So nützt einem die Möglichkeit, im CMYK-Farbraum zu arbeiten, letztlich doch nichts.
Prädikat: Nutzlos wäre übertrieben ausgedrückt. Klar ist aber, dass Raven nicht zu den Applikationen gehört, die man unbedingt verwendet haben muss, bevor man stirbt.
Alternative: Inkscape mit weitaus mehr Funktionen und ebenfalls kostenlos, aber nicht cloudbasiert. Dafür für Windows, Mac OS X und Linux verfügbar.
Peacock – Visual Laboratory
Der Programmteil Peacock fällt völlig aus dem Rahmen. Die von Aviary gewählte Bezeichnung “Visual Laboratory” übertreibt zwar etwas, wenn man die tatsächlichen Möglichkeiten mit den Ansprüchen eines Laboratoriums vergleicht, aber die Schwierigkeiten bei der Einarbeitung und die Verständnishürden, die Peacock dem Interessenten auferlegt, haben durchaus akademisches Niveau.
In Peacock können Sie – vereinfacht ausgedrückt – Ausgangsmaterial mit kombinierten Effekten so verfremden, dass es nicht mehr als das Ausgangsmaterial wahrgenommen werden kann. Klingt unspektakulär? Ist es im Grunde auch, wenn man das Ergebnis betrachtet. Aber die Vorgehensweise von Peacock ist dabei durchaus spektakulär, weil völlig ungewohnt. Effekte werden nämlich wie in einer Art Mindmap oder ähnlich Yahoo Pipes visuell rund um das Ausgangsmaterial angeordnet. Dabei kann man dann wieder Effekte auf Effekte anwenden und so unzählige Ergebnisvarianten erzeugen. Interessant daran ist, dass all diese Effekte auf das Ausgangsmaterial nondestruktiv sind. Sie können einer vollständigen Effektkette sogar neues Ausgangsmaterial unterschieben und alle Effekte würden sofort darauf angewendet.
Wer mit Photoshop in einer aktuelleren Version arbeitet, wird bei näherer Betrachtung außer der Komplexität in der Vorgehensweise zunächst keinen Vorteil von Peacock erkennen können und ich kann nach etwa einer Stunde peacockens bestätigen, den gibt es auch nicht. Damit will ich nicht etwa sagen, dass die Effektsituation in Photoshop ab CS3 perfekt gelöst wäre. Aber für die via Peacock zu erzielenden Effekte reicht es halt. Anders sieht das beim Plugin FilterForge für Photoshop aus, das nach dem Peacock-Prinzip arbeitet, dabei aber weitaus mehr Möglichkeiten bietet und insoweit die Komplexität rechtfertigt.
Im Grunde ist Peacock in Aviary erforderlich, weil der Hauptbildeditor Phoenix keine vernünftige eigene Effektverwaltung mitbringt. Brauchen Sie in Aviary irgendwo eine Schaltfläche mit Emboss-Effekt oder einen simplen Schlagschatten, müssen Sie je nach Anwendungsfall außerhalb von Phoenix entweder Falcon oder Peacock verwenden. Dieses kleine Tutorial (eventuell nur nach Registrierung sichtbar) verdeutlicht das Konzept. Der folgende Screenshot vermittelt einen Eindruck dessen, was ich bis hierhin schrieb ;-)
Ein langer Weg zum interessanten Effekt
Prädikat: Eindruck macht zunächst vor allem die neuartige Herangehensweise, die aber schlussendlich keine Vorteile gegenüber anderen Herangehensweisen bietet. Es bleibt ein unnötig sperriges Produkt für einen vergleichsweise simplen Task.
Alternative: Für Photoshop gibt es das kostenpflichtige Plugin FilterForge, das genauso funktioniert, dabei aber weit mehr Möglichkeiten bietet und mit etlichen hundert Dollar (je nach Version) nicht für den Gelegenheitsverwender taugt. Mac-User könnten sich mal ArtMatic anschauen. Das ist Standalone und funktioniert nach dem gleichen Prinzip, kostet aber kompakte 250 Dollar.
Phoenix – Der Photoshop-Killer?
Kommen wir zum ältesten Teil der Aviary-Produktreihe, nämlich zu Phoenix. Phoenix ist das eigentliche Bildbearbeitungsprogramm des Gesamtpakets und es ist definitiv auch die funktionsreichste unter den grafikorientierten Applikationen. Phoenix arbeitet pixelbasiert und ist älteren Photoshop-Versionen nahezu wie aus dem Gesicht geschnitten, wenn auch die Werkzeugleiste in Aviary etwas moderner umgesetzt ist.
Wer Photoshop schon länger verwendet, wird sich in Phoenix relativ schnell heimisch fühlen, aber natürlich genauso schnell erkennen, dass man hier auf dem Niveau von vor einigen Jahren arbeiten muss. Phoenix bietet fortgeschrittene Features, wie Ebenen, Masken und Filter. Es gibt funktionierende Werkzeuge zur Auswahl von Bildbereichen und auch dem Thema Textbearbeitung hat man sich gewidmet. Photoshop-Veteranen werden sich erinnern, dass man selbst im Grafikboliden vor einigen Jahren noch Text nicht direkt im Bild, sondern über eine separate Dialogbox erfassen und bearbeiten musste. Da ist Phoenix schon einen Schritt weiter. Will man Texte allerdings drehen oder sonstwie transformieren, muss die enthaltende Ebene zunächst in ein Bitmap konvertiert werden. Da war Photoshop vor Jahren schon einen Schritt weiter.
Spielt man mit Phoenix herum, wird deutlich, dass es sich auch nach einigen Jahren Marktpräsenz im Wesentlichen um eine Machbarkeitsstudie handelt. Sicherlich können einige der von der Community erstellten Bildkompositionen überzeugen. Bei näherer Betrachtung sieht man jedoch, welche Klimmzüge die Ersteller machen mussten, um zum gezeigten Ergebnis zu gelangen. Das fängt bei mit der Hand gezeichneten Schlagschatten auf separaten Ebenen an und hört dort noch lange nicht auf.
Sogar eine Historyfunktion bietet Phoenix. Allerdiings hat diese nur informatorischen Charakter. Einzelne Schritte aus der History rückgängig machen, wie es einzig sinnvoll wäre, ist nicht vorgesehen. Immer nur der allerletzte Bearbeitungsschritt kann rückgängig gemacht werden.
Das Uploadlimit liegt bei 5 MB, was nicht einmal mehr den Upload eines mit einer gängigen modernen Kompaktkamera geschossenen Jpegs ermöglicht. Außerdem speichert Phoenix im Aviary-eigenen Egg-Format. Zwar können Sie Bilder auch als Jpg, Png, Gif oder Tiff herunter laden. Nur die Ebenen, die bleiben in solchen Fällen im Egg und das ist nur online verfügbar. Schon der semiprofessionelle Bildbearbeiter wird sich damit nicht anfreunden können. Der Upload von PSD-Files, wie er seit Jahren in den Aviary-Foren nachgefragt wird, ist nicht möglich. In Phoenix starten Sie also immer from scratch oder from egg. Für den Änderungsjob zwischendurch sind beide Varianten wenig verlockend.
Prädikat: Phoenix sieht nicht schlecht aus und hat auch einen ordentlichen Funktionsumfang, allerdings auf dem technischen Stand von vor fünf oder mehr Jahren. In den Standardworkflow eines Designers lässt sich Phoenix schon wegen der relativen Formatgeschlossenheit nicht integrieren. Muss man von unterwegs mal schnell ein paar Bilder zu einer Collage zusammen frickeln, so kann man Phoenix dazu benutzen, wenn man muss.
Alternative: GIMP ist ebenso kostenlos, für Windows, Mac OS X und Linux verfügbar und kann wesentlich mehr. Es ist allerdings nicht cloudbasiert.
Music Creator Roc – Für Soundtüftler
Aviary Roc ist genau das richtige für ein musikinteressiertes, aber instrumentenloses Spielkind wie mich. In Roc klickt man sich auf zwölf Spuren seinen eigenen Sound zusammen. Dabei stehen einem angeblich über 50 Instrumente zur Verfügung. Ich habe nicht nachgezählt, aber die Zahl halte ich per Augenschein doch für zu hoch. Zudem handelt es sich um teils simple Variationen ein und desselben Instruments, dafür fehlen wichtige Sounds wie Synthesizer komplett.
Zunächst klingen 12 Spuren für ein Arrangement eines semiprofessionellen Titels ganz ordentlich. Dabei ist aber mehrererlei zu berücksichtigen. Zum einen ist die Länge der Stücke begrenzt auf etwa 30 Sekunden, die genaue Länge ist nicht zu ermitteln. Roc eignet sich demnach nur für Loops und Klingeltöne. Zum anderen sind die Sounds als einzelne Noten abgelegt. Kommen in Ihrem Stück also fünf verschiedene Noten desselben Instruments vor, sind schon mal fünf Spuren weg. Mehr als eine Oktave ist so nicht mit den 12 Spuren zu bewältigen.
Wollen Sie anspruchsvollere Tracks in der Cloud erstellen, greifen Sie daher zu Myna, dem Audio Editor in Aviary.
Prädikat: Nur nützlich in Verbindung mit Myna, ansonsten verzichtbar.
Alternative: Mit weitergehenden Funktionen Sony Acid XPress Free, Windows Software, kostenlos, mit Cloudanbindung, aber nicht so einfach zu bedienen wie Roc. Unter Mac OS X kommt die Software Ardour in Frage. Es handelt sich um Begware, d.h. ohne Spende erhalten Sie kein voll funktionsfähiges Produkt, aber jeder Betrag wird akzeptiert.
Audio Editor Myna – Blank & Jones für Amateure
Myna, der Audio Editor von Aviary erinnert an Adobe Soundbooth und Apple Garageband. Natürlich kann Myna als kostenlose, flash-basierte Webanwendung nicht mit den eben genannten mithalten, vor allem soweit es den Featurereichtum betrifft. Dennoch bietet Myna einen beachtlichen Funktionsumfang. Tatsächlich gehört es neben Phoenix zu den umfangreichsten Aviary-Anwendungen.
Durch die Verzahnung mit Roc können Loops, die in Roc erstellt wurden, transparent nach Myna importiert werden. Zusätzlich besteht Zugriff auf die gesamte Aviary-Userbibliothek, soweit die User ihre Loops entsprechend frei gegeben haben. Ferner können verschiedene kommerzielle Soundbibliotheken angezapft werden. Bitte vorsichtig an dieser Stelle sein. Die kommerziellen Lizenzbestimmungen sind nicht so offen wie die Verwendung von Material aus der Community.
Damit sind tausende Soundschnipsel im direkten Zugriff und Sie brauchen lediglich noch den nächsten Welthit zusammen zu klicken. Hierfür stehen Ihnen 10 Tonspuren zur Verfügung. Das erscheint auf den ersten Blick wenig, birgt aber in Kombination mit Roc die Möglichkeit, insgesamt 120 Spuren für den eigenen Sound zu verwenden. Dabei können Sie neben vorgegebenen oder in Roc erstellten Soundschnipseln Spuren auch direkt in Myna aufnehmen.
Natürlich richtet sich Myna nicht an den professionellen Soundtüftler, sondern eher an den Gelegenheitsbastler, der etwa einen rechtssicheren Soundtrack für seine Kundenwebsite benötigt. Das geht recht zügig von der Hand und macht sogar nicht sehr Lernfreudigen wie mir schon nach kurzer Einarbeitungszeit richtig Spaß. Das Ergebnis der Bemühungen kann man als Projekt auf Aviary speichern, aber auch in gängigen Formaten wie MP3 auf seine lokale Festplatte herunter laden.
Allerdings, und das ist mehr als ein Wermutstropfen, ging mein 2008er MacBook Pro mit 4GB Speicher nach einer guten Stunde Bearbeitungsdauer mächtig in die Knie. Flüssiges Weiterarbeiten war erst nach einem Neustart möglich. Das Verhalten konnte ich reproduzieren.
Prädikat: Für noppes nicht schlecht, aber ressourcenhungrig. In Kombination mit Roc ein interessantes Werkzeug, das ich sicherlich gelegentlich verwenden werde.
Alternative: Der Audioeditor Audacity kann weit mehr, steht für Windows, Mac OS X und Linux bereit, ist ebenfalls kostenlos, aber nicht cloudbasiert.
Zusammenfassung
Die Aviary-Produktpalette enthält Licht und Schatten. Die Vielfalt verfügbarer Programme erweist sich als Verschleierung der Tatsache, dass etliche Programme eigentlich Untermengen anderer Programmteile sein müssten. Für den Webentwickler und vor allem für den Designer erweist sich keines der Programme als Musthave. Dennoch sind die Aviaryprodukte Phoenix, Roc und Myna zumindest eine Ausweichmöglichkeit, wenn man nichts außer der Cloud bei der Hand hat und schnell einen Quickedit oder einen Entwurf durchführen muss. Als Alternative für die tägliche Arbeit taugen aber auch diese Programme nicht.
Bleibt der Vorteil des cloudbasierten Speicherns an sich, das bei Aviary übrigens auf Amazons S3-Services erfolgt. Ich habe für mich hier die Lösung gefunden, alle Arbeiten in der Dropbox zu sichern und diese auf allen meinen Geräten zu synchronisieren. So habe ich von überall her Zugriff auf meine wesentlichen Daten und kann den Vorteil installierter Software mit den Vorteilen der Onlinespeicherung kombinieren.
(mm),
Dieter Petereit
ist diplomierter Absolvent des Studienganges Wirtschaftswissenschaften mit Schwerpunkt Marketing, aber bereits seit 25 Jahren in der IT daheim. Seit der Jahrtausendwende ist er bei verschiedenen Unternehmensberatungen tätig gewesen und hat dort KMU in Fragen crossmedialer Marketingstrategien, sowie hinsichtlich konkreter IT-Projekte betreut. Technische Dokumentationen schreibt er seit Ende der Neunziger am Fließband, so dass der Betrieb verschiedener Blogprojekte seit 2005 nur konsequent ist.

















Danke für den ausführlichen Bericht und die Mühe, die Sie sich gemacht haben, Ich denke aber, dass diese Art von Tools, gerade für Webdesigner, besser auf dem eignen Desktop aufgehoben sind, auch deshalb, weil die rechte Professionalität fehlt.
Ach so, … flashbasiert. Die Info reicht schon zum nicht weiterlesen.
Nein danke.
Tipp: Unter Linux ist Shutter das Non-Plus-Ultra für Screenshot(ing)s und kann locker mit irgendwelchen pro-prietären Derivaten aus der Fenster- und Apfel-Welt mithalten.
cu, w0lf.